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25.
Februar
2020

Isaiah’s Song of the Vineyard: an example of great poetry / Jesajas Weinberglied: Ein Beispiel grosser Dichtung

Isaiah by Michelangelo

ENGLISH

In Isaiah 5 we find a song which speaks of God’s love for his people Israel. It is set in the context of the prophet’s speech about judgement, which the author Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) described as probably the most powerful speech in the history of the world. But in fact this song is also a work of art in its own right. It is in the form of a love song, for in the poetry of the ancient orient the beloved was often described as a vineyard which the lover tended carefully. So the prophet Isaiah stands before the people and starts to sing a love song. More precisely, he tells us, in the form of a love song, about his friend, who had a vineyard (his beloved) and cared for her. Let us start, then, by reading this so-called Song of the Vineyard.

Isaiah 5, 1-7
I will sing for the one I love / a song about his vineyard:
My loved one had a vineyard / on a fertile hillside.
He dug it up and cleared it of stones / and planted it with the choicest vines.
He built a watchtower in it / and cut out a winepress as well.
Then he looked for a crop of good grapes, / but it yielded only bad fruit.
“Now you dwellers in Jerusalem and people of Judah, / judge between me and my vineyard.
What more could have been done for my vineyard / than I have done for it?
When I looked for good grapes, / why did it yield only bad?
Now I will tell you / what I am going to do to my vineyard:
I will take away its hedge, / and it will be destroyed;
I will break down its wall, / and it will be trampled.
I will make it a wasteland, / neither pruned nor cultivated, / and briers and thorns will grow there.
I will command the clouds / not to rain on it.”
The vineyard of the Lord Almighty / is the nation of Israel,
and the people of Judah / are the vines he delighted in.
And he looked for justice, but saw bloodshed; / for righteousness, but heard cries of distress.


What do we gather here?

First of all, we note that the lover has been bitterly disappointed. Isaiah then presents the people with a parable, very similar to the one given to the adulterous David (2 Samuel 12) by the prophet Nathan. The people are thus confronted with a monstrous injustice and, after hearing the song, could have felt outrage just as David did, recognise themselves in the mirror and repent. This obviously does not happen, otherwise Isaiah would not have followed this song with a six-fold proclamation of “woes” in which the profound unrighteousness of the people is brought out into the light. (Isaiah 8ff. “Woe to those who add house to house and join field to field till no space is left and you live alone in the land!… Woe to those who rise early in the morning to run after their drinks, whose stay up late at night till they are inflamed with wine. And they have harps and lyres at their banquets, tambourines and flutes and wine but they have no regard for the deeds of the Lord, no respect for the work of his hands!… Woe to those who call evil good and good evil… etc.)

What, now, are we to do with a text like this?

1. The fact that the prophet takes the trouble of presenting to the people an artistically formed parable, which also contains an implied declaration of love, shows how keenly God battles to win the love of his people, covertly hoping that his love will be returned.

2. We can also remind ourselves that art can and must have a prophetic dimension. This means that it has the task of calling out injustice by name and pointing out unsparingly the terrible consequences of lovelessness and egotism. In the name of love, however, it does this in such a way that the uncovering of the truth, although painful, is not destructive – and certainly without paying tribute to destructive aesthetics. As with Isaiah, it can put criticism, complaints and accusations into a good aesthetic form which permits love to shine out. This also involves pedagogical skills. To package a painful truth, baroque poetry invented the image of the bitter pill coated with sugar so that it can be swallowed more easily.

3. Despite all the criticisms expressed in this text, the image of the vineyard can speak to us, too. For it represents a timeless relationship between God and us. We can ask ourselves this question, for example: “Do I, too, see myself and my life as God’s vineyard, looked after by a loving hand?” If we follow the precise wording, we discover these statements: the vineyard is cleared of stones, a protective wall is built around it, a watchtower is erected to warn of wild animals, and good vines are planted.
What do these pictures mean for us?
How do we allow God to work in our lives, and how do we respond to this? 

Text: Beat Rink / translation: Bill Buchanan

DEUTSCH

In Jesaja 5 steht ein Lied, das von Gottes Liebe zum Volk Israel spricht. Der Kontext ist die Gerichtsrede des Propheten, der wohl gewaltigsten Rede der Weltgeschichte, wie der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921-1990)meinte. Tatsächlich ist auch dieser Abschnitt ein Kunstwerk für sich. Die Form ist ein Liebeslied, denn in der altorientalischen Poesie wird die Geliebte oft als Weinberg angesprochen, der vom Liebhaber sorgfältig gepflegt wird. Der Prophet Jesaja tritt also vor das Volk und stimmt ein Liebeslied an. Genauer: Er berichtet in der Form eines Liebesliedes von seinem Freund, der einen Weinberg (eine Geliebte) hatte und sie pflegte. Lesen wir zunächst einmal dieses sogenannte Weinberglied.

Jesaja 5, 1-7
Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, dass ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.
Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.
Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Was kommt uns da entgegen?

Zunächst halten wir fest, dass der Liebhaber bitter enttäuscht wird. Jesaja legt damit dem Volk ein Gleichnis vor, ganz ähnlich wie der Prophet Nathan dem ehebrüchigen David (2. Samuel 12). Das Volk wird somit mit einer ungeheuren Ungerechtigkeit konfrontiert und könnte, nachdem es dieses Lied gehört hat, wie David sich darüber empören, sich im Spiegel erkennen und Buße tun. Dies geschieht offenbar nicht. Sonst würde Jesaja nach dem Lied nicht mit einem sechsfachen Weheruf weiterfahren, um die abgrundtiefe Ungerechtigkeit des Volkes ans Tageslicht zu bringen. (Jesaja 5, 8ff.: „Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und ihr allein das Land besitzt!… Weh denen, die des Morgens früh auf sind, dem Saufen nachzugehen, und sitzen bis in die Nacht, dass sie der Wein erhitzt. Und sie haben Harfen, Zithern, Pauken, Pfeifen und Wein bei ihren Gelagen, aber sehen nicht auf das Werk des HERRN und schauen nicht auf das Tun seiner Hände!… Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen… usw.)

Was machen wir nun mit einem solchen Text?

1. Die Tatsache, dass der Prophet sich die Mühe macht, dem Volk ein kunstvoll gefertigtes Gleichnis vorzulegen, in dem eine Liebeserklärung steckt, zeigt wie sehr Gott um die Liebe dieses Volkes ringt und insgeheim auf eine Erwiderung der Liebe hofft.

2. Wir dürfen uns daran erinnern, dass Kunst eine prophetische Dimensionhaben kann und haben muss. Das heißt: sie hat die Aufgabe, Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen und die schlimmen Konsequenzen der Lieblosigkeit und des Egoismus schonungslos aufzuzeigen. Im Zeichen der Liebe tut sie dies aber so, dass die Aufdeckung der Wahrheit zwar schmerzt, aber nicht zerstörerisch wirkt oder gar einer zerstörerischen Ästhetik huldigt. Wie bei Jesaja kann sie die Kritik, Klage  Anklage in eine ästhetisch gute Form bringen und darin Liebe aufscheinen lassen. Darin steckt auch pädagogisches Geschick. Die Barockpoetik hat für das Verpacken einer schmerzhaften Wahrheit  das Bild der bitteren Pille gefunden, die von einem Zuckermantel umgeben ist und darum besser geschluckt werden kann.

3. Das Bild des Weinbergs kann durch alle Kritik hindurch, die in diesem Text laut wird, auch zu uns sprechen. Denn es stellt ein zeitloses Verhältnis zwischen Gott und uns dar. So können wir uns fragen: Sehe ich mich mit meinem Leben auch als Weinberg Gottes, der von einer liebenden Hand gepflegt wird?
Gehen wir dem Wortlaut nach, so finden wir folgende Aussagen: Der Weinberg wird befreit von Steinen, es wird eine Schutzmauer darum herum gebaut, ein Wachtturm gegen wilde Tiere hochgezogen und gute Reben gepflanzt.
Was heißen diese Bilder für uns?
Wie lassen wir Gott in unserem Leben wirken und wie antworten wir darauf?

Text: Beat Rink (PS für Freunde des Schweizerdeutschen: Wer das Weinberglied in Versform auf Baseldeutsch haben möchte, kann es vom Verfasser brink@crescendo.orgbestellen)

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Künstlerportrait

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Maya Heusser

Theater, Musical
Bühnenreif macht Musicals. Konzept, Story und Regie von mir und alles andere aus meinem grossen Netzwerk. Zur Zeit sind wir mit dem Musical Küstenpfad auf Tournee. Ein Stück für die kleine Bühne mit viel Weitsicht. Das Thema ist Einsamkeit und
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