Biblische Betrachtung zum Motto von Crescendo 2025:
“Höre auf mich!”
Es gibt viele Bibelstellen, in denen Gott sein Volk zum Hören aufruft, z.B. das berühmte Schma Israel (5.Mose 6, 4-9).
Oder in Johannes 10, 27 sagt Jesus: «Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir.»
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Ein schwieriges Bild?!
Das Bild von den Schafen ist einfach zu verstehen. Andererseits gilt: Gerade wenn man meint, etwas gut zu verstehen, was in früheren Zeiten und in anderen Kulturen gesagt wurde, kann man sich gewaltig täuschen. Tatsächlich fordert uns dieses eingängige Bild eine gewisse Übersetzungsarbeit ab.
Denn erstens hat die Erfahrungswelt von damals nicht mehr viel mit unserer zu tun. Was verstehen wir schon von Schafen und Hirten?
Zweitens hat christlicher Kitsch das Bild aufgenommen und versüsst. Meine Grosseltern hatten ein Bild in ihrem Schlafzimmer hängen, das mich schon als Kind irgendwie befremdete: Jesus als Hirte und vor ihm eine friedliche Schafherde im Mondlicht. Die christliche Rezeptionsgeschichte kann sich also bemerkbar zwischen uns und einen solchen Bibeltext schieben.
Drittens könnten wir versucht sein, Johannes 10 als Aufforderung zu verstehen (und als stillen Vorwurf), die Stimme des Hirten «besser zu hören» und sich etwa häufiger im «hörenden Gebet» zu üben.
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Eine vertraute Stimme
Wir können diese drei Verständnis-Hürden kaum in einem einzigen Anlauf überspringen.
Aber es hilft zunächst einmal, wenn wir uns sagen lassen: Schafe können die Stimme ihres Hirten sehr genau von den Stimmen anderer Hirten unterscheiden. Sie werden einer anderen Stimme keine Beachtung schenken, so sehr man die Stimme des Hirten nachzuahmen versucht. Darauf könnte der Fokus von Johannes 10 liegen: Es geht nicht in erster Linie um die Frage, ob wir Gottes Stimme im Gebet gut hören können, sondern um die Frage: Gehören wir zu jemandem, dessen «Stimme» uns vertraut ist?
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(Ge-)hörende Schafe
Die Bibel spricht nämlich auch von schlechten Hirten, die ihre Schafe vernachlässigen, d.h. die sie weder schützen noch zu frischem Wasser noch auf eine fette Weide führen (Psalm 23). So sieht Jesus ein Volk, das keine Hirten hat (Matthäus 9,36; s. dazu Hes. 34) und ebenso warnt er vor Fremden, vor Räubern oder von «Mietlingen», (von Temporärarbeitern im Hirtendienst), die im Ernstfall die Schafe nicht verteidigen, wenn der Wolf kommt.
Im Deutschen sind die Worte «hören» und «gehören» etymologisch miteinander verbunden. Auf wen man hört, zu dem gehört man.
Schafe ge-hören zu jenen Hirten, auf die ihr Gehör eingestellt ist. Es ist für sie schwierig und geradezu unmöglich, der Stimme eines anderen Hirten zu folgen. Sie hören diese Stimme wohl, blicken aber nicht einmal vom Grasen auf, wenn jemand anderer sie ruft.
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Der gute Hirte
Wer ist dieser eigene Hirte? Jesus erzählt, dass er sogar ein verlorenes Schaf sucht, selbst wenn er sich dafür von der Herde entfernen muss. (Lukas 15).
Das heisst: auch verirrte Schafe und man könnte den Gedanken weiterspinnen: auch schwarze Schafe und auch wenig Wolle produzierende Schafe gehören zur Herde. Sie sind dem Hirten ebenso wichtig wie die «braven».
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Schafe unter Wölfen
Nun schickt der gute Hirten seine Schafe aber auch unter die Wölfe (Matthäus 10,16).
Warum? Christen folgen einem Hirten, der selbst sein Leben lässt für die Schafe (Joh 10,11), der das «Agnus Dei» ist (Joh. 1, 19 in Anlehnung an Jesaja 53, 6+7) und uns auch in dieser Hinsicht zur Nachfolge einlädt. Diese Ansage mit den Wölfen stimmt uns zwar nicht unbedingt fröhlich, denn wir bleiben lieber im Schutz der Herde. Aber erstens spricht Jesus hier nicht im Konjunktiv («ich könnte»), sondern im Indikativ: «Ich sende…». Alle Christen werden Widerstand erfahren!
Und zweitens lernen wir gerade von Schafen in der Verfolgung: Sie möchten nie einer anderen Stimme als der ihres Hirten folgen, der auch im dunkeln Tal da ist (Psalm 23).
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Bildermix
Wir haben es bereits gemerkt: Die Bibel wirbelt die Metaphern von Hirten und Schafen durcheinander: Der gute Hirte ist zugleich das Opferlamm und die Schafe – sie sind auch Hirten («Weide meine Lämmer/Schafe» in Joh 21, 15+19)!
Die Frage ist auch hier: Können sie hören? Hören sie den Ruf und vielleicht auch «nur» eine leise Stimme, diesaht: «Sei dem und jenem Menschen und jener Gruppe ein Hirte!»
Zu 3: Was könnte das für uns heissen: Die anderer Hirten überhören, selbst wenn diese noch so laut rufen? Was für Stimmen sind das? Kommen sie uns vielleicht aus unserem eigenen Innern entgegen? Möchten sie, dass wir ihnen ge-hören? Selbst wenn wir sie nicht ganz zum Schweigen bringen können: Gelingt es uns dann, sie zu über-hören oder zu sagen: «Du bist nicht die Stimme meines Hirten?»
Wie können wir im Gegenzug dazu lernen, die Stimme unseres Hirten besser zu hören?
Zu 4: Was für Schafe sind wir? Wie sehen wir uns? Wie sieht uns Gott?
Zu 5: Was sind Wölfe für uns? Vielleicht Wöllfe in Schafspelzen (Matthew 7:15)? Wie reagieren wir, wenn wir einen Ruf hören, unter die Wölfe zu gehen? Vielleicht sollten wir uns sogar fragen: Weichen wir einem Ruf / einer Berufung aus, weil wir Angst vor Wölfen haben?
Zu 6: Für wen können wir selber Hirten sein? Was könnte es heissen, dass wir in unserem (Künstler-) Umfeld Hirten sind?
ENGLISH
Biblical reflections on the Crescendo motto for 2025:
“Listen to me!”
There are many Bible passages in which God appeals to his people to listen, e.g. the famous Shema Israel (Deut. 6: 4-9). Or where Jesus says, in John 10:27, «My sheep hear my voice and I know them and they follow me».
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A difficult idea?!
The picture with the sheep is easy to understand. On the other hand, it is true that, when one thinks one has a good understanding of what was said in earlier times and in other cultures, one can in fact be completely wrong. Indeed, this easily accessible picture does require a certain amount of translation work.
First of all, the experiential world of that day no longer has much in common with our world. How deep is our understanding when it comes to sheep and shepherds?
Secondly, Christian kitsch has taken up this image and sweetened it. In their bedroom, my grandparents had a picture with which I felt uneasy, even as a child: it was Jesus as a shepherd and, in front of him, a peaceful flock of sheep in moonlight. So the reception history in Christian tradition can get between us and such a Bible passage in a noticeable way.
Thirdly, we can be tempted to understand John 10 as a call (and silent accusation) to «become better in hearing» the voice of the shepherd and, for example, to invest more time in practising «listening prayer».
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A familiar voice
It is hardly possible for us to jump over these three barriers to our understanding in one single leap.
But a helpful starting point is to accept the statement that sheep can very precisely distinguish the voice of their shepherd from the voices of other shepherds. They will take no notice of any other voice, no matter how well it imitates the voice of their shepherd. Perhaps this is where the focus lies in John 10: It is not primarily a question of whether we can hear God’s voice well in prayer, but rather the question of whether we belong to someone whose «voice» is familiar to us?
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Sheep that hear also belong
In this regard, the Bible also speaks of the bad shepherds who neglect their sheep, i.e. neither protect them nor guide them to fresh water nor lead them to green pastures (Psalm 23).
So Jesus sees a people without a shepherd (Matthew 9:36; see also Ezekiel 34) and similarly warns about strangers, about robbers and «hirelings» (those taking a temporary job as a shepherd), who will not defend the sheep when it most matters, when the wolf comes.
In German, the words «hören» [“hear”] and «gehören» [“belong”] are linked etymologically. The person whom one hears is the person to whom one belongs. Sheep hear, belong to, that one shepherd to whom their ears are accustomed. For them it is difficult, and practically impossible, to follow the voice of another shepherd. They hear the voice no doubt, but do not even look up from their grazing when someone else calls them.
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The good shepherd
Who is he, our own shepherd? Jesus says that he will go in search for a lost sheep, even if he has to leave the flock to do it. (Luke 15).
This tells us that even sheep that have strayed – and, following through on this thought, even «black sheep» and those that produce little wool – belong to the flock. For the shepherd, they are just as important as the «well-behaved» ones.
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Sheep amongst wolves
But then we hear that the good Shepherd even sends his sheep out among wolves (Matthew 10:16). Why? Christians follow a Shepherd who lays down his own life for the sheep (John 10:11), who is the «Agnus Dei» (John 1:19, drawing on Isaiah 53:6+7), and who invites us to follow him in this way as well.
The statement about the wolves may not necessarily be a cheering prospect, for we would rather remain within the protection of the flock. But Jesus does not speak here in the subjunctive («I could send…») but in the indicative: «I send…». All Christians will encounter resistance!
And, secondly, there is something we learn from persecuted sheep in particular: they would never want to follow any voice other than that of their shepherd, who is with them even in the dark valley (Psalm 23).
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Mixed images
We have already noticed it: the Bible presents us with whirling mixed metaphors of shepherds and sheep. The good shepherd is at the same time the sacrificial lamb, and the sheep are also shepherds («Feed my lambs/sheep» in John 21:15+19)!
So here the same question comes up again: Can they hear? Do they hear the call, perhaps «only» a quiet voice, which says: «Be a shepherd to this or that person, to such-and-such a group!»
Point 3: What could this mean for us, this ignoring of the voices of other shepherds, no matter how loudly they call? What kind voices are these? Do they perhaps come to us from within ourselves? Do they also want us to belong to them? Even if we cannot completely silence them, can we manage to ignore them or to say: «You are not the voice of my shepherd?»
In contrast to this, how can we learn to hear the voice of our Shepherd better?
4: What kind of sheep do we feel like? How does God see us?
5: What are the wolves in our situation? Circumstances? Real enemies? Sheep in wolf’s clothing (Matthew 7:15)? How do we react when we hear a call to go out among wolves? Maybe we should even ask ourselves that question: Are we resisting a calling because we are afraid of the wolves?
6: What might it mean to be shepherds in our (artistic) life situation? For which people (maybe colleagues) could we be shepherds ourselves?
Text: Beat Rink / Translation: Bill Buchanan