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22.
September
2020

Wochentext von Matthias Krieg / al-Koni

Die Kindheit ist die Oase, die wir verloren haben. Die Kindheit ist die Oase, die wir su­­chen. In einem Auge, das keine Kindheit zeigt, ist nichts Gutes. Vertraue nie einem Geschöpf, in dessen Auge du nicht eine Kindheit findest!

Ibrahim al-Koni, Die verheissene Stadt, arabisch 1997.

Wenn er von Oasen schreibt, weiss er, was er tut. Ibrahim al-Koni ist ein Targi, gehört also zum Volk der Tuareg, hat seine Heimat in der libyschen Wüste und spricht als Mut­tersprache Tamahaq, eine Sprache der Berber. Im riesigen Raum der Sahara, heute ge­teilt von den Ländern Al­gerien, Libyen, Niger, Burkina Faso und Mali, sind die Tua­reg als No­ma­­den unterwegs. Der Name Targa bezeichnet ursprünglich das wasser­rei­che und fruchtbare Wādī al-Ḥayā im Südwesten Libyens und kann deshalb in der Berberspra­che auch den idealen Garten be­zeichnen.

Die Oase, von der Ibrahim al-Koni hier träumt, der Targi von der Targa, ist also nicht ir­gendeine, sondern das Paradies der Kindheit, aus dem das Leben, zumal das no­ma­­dische, einen für immer vertreibt und das einem gerade deshalb nie aus dem Sinn geht. In den Worten Ernst Blochs, des Philosophen der Hoffnung, ist es die Heimat als ein utopisches etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war. Beiden, dem Berber im schweizerischen Exil und dem Deutschen im amerikani­schen, geht es dabei weniger ums Finden eines realen Gartens, einer realen Oase, einer realen Heimat, die das verlorene und gesuchte Ideal erfüllt, als vielmehr um die Hal­tung des Suchens. Bloch nennt sie in seinem Hauptwerk Hoffnung (1938-47), al-Koni in diesem Roman Sehnsucht. Beiden eignet eine religiöse Energie, deren Aus­rich­tung bildlich auch verheissene Stadt heissen kann oder Utopie des Rei­ches Got­tes. Biblisch ist sie das himmlische Jerusalem (Offb 21,1-2).

Im dritten seiner drei thetischen Sätze verortet al-Koni die Haltung des Hoffens und Sehnens: Das Auge eines Menschen zeigt, ob er diese Haltung hat oder nicht. Hat er sie, so kann man ihm vertrauen. Hat er sie nicht, so ist nichts Gutes zu erwarten. Die­se weisheitlich anmutende Mahnung ist es denn auch, die der Berber im Exil litera­risch vermittelt: Vertraue nie einem Geschöpf, in dessen Auge du nicht eine Kindheit fin­dest! Was für ein Rat!

Im Auge eines Menschen eine Kindheit zu finden, wann ist das der Fall? Wenn es träu­mend in die Ferne schweift? Wenn es einen Schalk vorüberhuschen lässt? Wenn es sich hinter einem Schleier aus Tränen verzieht? Ein Auge, das Gefühle verrät, oh­ne sich blosszustellen, das mich beteiligt, ohne mich zu benutzen, das Wärme und Schwäche ausdrückt, ohne zu betteln: Ist es das? – Im Auge eines Menschen keine Kindheit zu finden, wann ist das der Fall? Wenn es einen anstarrt, fixiert und lähmt? Wenn es von oben herab und mit gehobener Braue gebietet? Wenn es scheel Dinge unterstellt, die weder zu bestreiten noch zu beweisen sind? Ein Auge, das fordert, oh­ne irgendetwas zu schenken, das leer ist und stiert, ohne etwas zu erwarten, das Kälte und Unerbittlichkeit ausstrahlt, ohne einen Kompromiss zu signalisieren: Ist es das? – Klar ist, dass nicht suchen kann, wer nicht verlieren konnte, und nichts fin­den wird, wer nicht unterwegs ist. Wer nichts erhofft und nichts ersehnt, ist schon tot. Tote Augen zeigen keine Kindheit. Vertraue nie einem Geschöpf, in dessen Auge du nicht eine Kindheit fin­dest! Was für ein Rat!

Die Haltung des Suchens, die ein Hoffen und Sehnen bedeutet, erkennt, ob ein Auge tot ist oder lebt. Es ist die Oase, die sich spiegelt in der Iris, die Kindheit, die flackert im Blick, die Oase der verlorenen und verheissenen Kindheit, die Vertrauen schafft in der Fremde und unter Fremden, die Befremdliches überwindet. Deine Augen sind Tau­ben hinter deinem Schleier, sagt der Liebende zur Geliebten (Hld 4,1).

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Bruderboot, das sind Christian und Beni Hunziker, Schauspieler und Theaterpädagoge, zwei passionierte Theatermenschen mit einem grossen Herz für kleine Geschichten.
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