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10. décembre 2018

When complete strangers tell an artist the most personal things / Wenn wildfremde Menschen einem Künstler persönlichste Dinge erzählen

By | TUNE IN | No Comments

ENGLISH

In the Crescendo network there are many outstanding organists who bless others with their work in churches, concerts and teaching positions. In recent weeks we have had memorable meetings with organists who recounted events from their lives and service – and also showed us their instruments (including the organ in Cologne Cathedral).  One of the organists was Chelsea Chen, who told us how members of the audience come up to her after concerts and often share things that one normally entrusts only to a good friend. What is the reason behind this? Do listeners at the concert gain the impression that the person playing is someone who understands them? (To what extent can other art forms also cause this experience?*) Does this have anything to do with the fact that art prepares “the inner soil” and makes it fruitful? (See the last TUNE IN.) We asked Chelsea a few questions.    

Chelsea, please, tell us about your encounters with the audience after your concerts.  

Chelsea Chen: Over the years as a concert organist I have had many profound interactions with audience members following performances. Most recently in Ft. Worth, Texas, an older lady approached me with tears in her eyes. She told me that my concert was the first event she allowed herself to attend following her husband’s death.  She thanked me for bringing her comfort and even joy.  I gave her a hug.  Later I reflected on how my program was not tailored for someone in mourning, and yet God used it anyway to bless this woman.  

When did this start?    

Chelsea Chen: I think it started from the time I began performing solo concerts in high school and college. Later, when I lived in Taiwan, a Christian friend told me he thought music could break down many barriers. He advised me to treasure any opportunities to share God’s love with people before, during, or after performances.  

What is in your eyes the reason for this?  

Chelsea Chen: Music definitely opens up a bridge between people.  It creates a safe space for sharing, as I am myself already vulnerable on stage.  People will comment on the things I talk about during the concert, and they will also talk about how my music makes them feel.  I believe God tugs on their hearts, whether they are aware of it or not.  And the music doesn’t have to be sacred.  God can use the humorous, playful, joyful, dark or serious pieces to stir our emotions.  We are then more likely to engage in the kind of conversations we would not normally have with perfect strangers. Another way music works mysteriously: my ailing grandmother can play hymns from memory on the piano but she cannot engage any other part of her mind.  God has given her that gift, whether or not she is aware of it!       

How do you prepare before the concerts?  

Chelsea Chen: Since I’m adjusting to different organs at every venue, I typically arrive one to two days in advance to practice and make registrations.  This process takes several hours depending on the instrument and the repertoire. On the day of the concert, I like to spend some time in quiet before the performance, praying and doing some mental practice. When possible, my husband prays with me over the phone, if he’s not present. We pray for the conversations I’ll have with people after the concert as much as we pray for the performance itself.    

Please, say some words about your journey as a musician and as a Christian.  

Chelsea Chen: I became a Christian as a young child, but my faith grew exponentially in college when I was a part of the Juilliard Christian Fellowship. I was amazed at the diversity of backgrounds represented there, and I was moved by the way people prayed, sang, and studied the Bible.  After my freshman year, I remember one sleepless night when I was stressing out about my future.  As I began to pray, I heard God reminding me that I was first and foremost His child. My identity was in Him, not in my profession, family, ethnicity, or anything else. That realization freed me up to pursue a musical career without regret, as I knew He would love me no matter what. I have been amazed at the places He has taken me as an organist, especially since it wasn’t my dream to play this instrument as a child– my passion for the organ developed over many years.  Now I find myself incredibly thankful for the doors He has opened for me.  I treasure each performing, teaching, or composing opportunity, knowing they are all chances to magnify glory to Him.    

* Please send us accounts of your own experiences: info@crescendo.org

Interview & editing: Beat Rink / Bill Buchanan

DEUTSCH

Im Netzwerk von Crescendo gibt es zahlreiche hervorragende Organisten, die in Kirchen, in Konzerten und auf Lehrstühlen einen segensreichen Dienst tun. In den letzten Wochen hatten wir sehr schöne Begegnungen mit Organisten, die aus ihrem Leben und Dienst erzählten – und uns auch einen Blick auf ihre Orgeln (darunter jene im Kölner Dom!) werfen liessen.
Darunter war die Organistin Chelsea Chen, die davon erzählte, wie Zuhörer aus dem Publikum nach Konzerten auf sie zukommen und ihr oft Dinge erzählen, die man nur einem guten Freund anvertraut. Was steckt dahinter? Haben Zuhörer in einem Konzert den Eindruck: Hier spielt jemand, der mich versteht? (Inwiefern ist dies auch in anderen Kunstformen erfahrbar?*) Hat dies damit zu tun, dass Kunst den „inneren Boden“ bearbeitet und fruchtbar macht (siehe das letzte TUNE IN)?
Wir haben Chelsea ein paar Fragen gestellt.

Chelsea, bitte erzähl uns etwas von den Begegnungen mit Zuhörern nach einem Konzert.

Chelsea Chen: Im Lauf meiner Jahre als Konzertorganistin habe schon viele tiefe Gespräche mit Zuhörern führen können, meist unmittelbar nach einer Aufführung. Gerade kürzlich kam in Ft.Worth, Texas, eine ältere Frau mit Tränen in den Augen auf mich zu und erzählte mir, dass dieses Konzert der erste Anlass sei, den sie sich nach dem Tod ihres Mannes gegönnt habe. Sie dankte mir für den Trost und die Freude, die ich ihr gegeben hätte. Ich umarmte sie. Später dachte ich darüber nach, wie mein Programm überhaupt nicht auf einen trauernden Menschen zugeschnitten war, aber von Gott trotzdem gebraucht wurde, dass diese Frau gesegnet wurde.  

Seit wann erlebst du solche Dinge?     

Chelsea Chen: Ich denke, seitdem ich Solokonzerte gebe, also seit der High School und dem College. Später, als ich in Taiwan lebte, sagte mir einmal ein befreundeter Mitchrist, dass Musik seiner Meinung nach viele Barrieren niederreissen könne. Er riet mir, jede Gelegenheit als Geschenk anzusehen, bei der es mir möglich sei, vor, während oder nach einem Konzert Gottes Liebe weiterzugeben.

Was ist deiner Meinung nach der Grund für solche Erlebnisse?

Chelsea Chen: Musik baut zweifellos Brücken zwischen den Menschen. Sie schafft einen sicheren Ort, an dem tiefer Austausch möglich ist; denn ich mache mich auch selber verletzlich, wen ich auftrete. Die Zuhörer kommentieren dann oft meine Worte, die ich im Konzert gesagt habe. Und sie erzählen davon, was sie bei der Musik empfunden haben. Ich denke, Gott rührt ihre Herzen an, ob sie es merken oder nicht. Auch bei nicht-sakraler Musik! Gott kann humorvolle, verspielte, fröhliche sowie dunkle und ernste Musik gebrauchen, um unsere Gefühle zu bewegen. Dann werden Gespräche möglich, die wir sonst nicht mit einem wildfremden Menschen führen würden. Ein anderes Mysterium der Musik: Meine Grossmutter, die schon sehr gebrechlich ist, spielt auswendig auf dem Klavier alte Hymnen, während ihr Gedächtnis und ihr Denkvermögen sonst versagt. Gott hat ihr diese Gabe geschenkt, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht!

Wie bereitest du dich auf ein Konzert vor? 

Chelsea Chen: Da ich mich an jedem Aufführungsort auf eine andere Orgel einstellen muss, reise ich meist zwei Tage früher an, um zu üben und die Registrierungen zu machen. Dies dauert oft mehrere Stunden, je nach Instrument und Repertoire. Den Konzerttag verbringe ich gern ruhig, um mich im Gebet und mit Mentaltraining auf die Aufführung vorzubereiten. Wenn mein Mann nicht dabei ist, beten wir zusammen am Telefon, wenn immer möglich. Wir bitten Gott für gute Gesprächenach dem Konzert und natürlich für das Konzert selbst.

Bitte sag einige Worte über deinen Weg als Christin und Musikerin.

Chelsea Chen: Ich war schon als Kind gläubig. Aber mein Glaube wuchs exponentiell, als ich die christliche Gemeinschaft an der Juilliard School besuchte. Ich war erstaunt über die  vielfältigen kirchlichen Traditionen, die hier vertreten waren, und es beeindruckte mich, wie die Leute beteten, sangen und die Bibel studierten. Ich erinnere mich an eine schlaflose Nacht nach meinem ersten Studienjahr. Ich machte mir Sorgen über meine Zukunft. Als ich zu beten begann, empfand ich, dass Gott mich daran erinnerte, dass ich zuallererst sein Kind bin, und dass meine Identität in Ihm und nicht in meinem Beruf,  meiner Familie, meiner Herkunft oder sonst etwas liegt. Diese Einsicht befreite mich, meine musikalische Laufbahn ohne Sorge weiter zu verfolgen, denn ich wusste: Er liebt mich, was auch kommen mag. Ich staune darüber, wohin Er mich als Organistin schon alles geführt hat. Als Kind hatte ich überhaupt noch nicht ans Orgelspielen gedacht; meine Leidenschaft dafür hatte sich erst mit der Zeit entwickelt. Nun bin ich dankbar für die Türen, die Gott mir dadurch schon geöffnet hat. Jede Aufführung, jede Unterrichtsstunde und jede Kompositionsmöglichkeit sind für mich wertvoll, denn sie geben mir die Möglichkeit, Sein Lob grösser zu machen.

Interview: Beat Rink

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