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12. September 2019

What does Rembrandt fill our «inner echo chambers» with? / Womit füllt Rembrandt unsere «inneren Echokammern»?

By | Tune In | No Comments

ENGLISH

The last TUNE IN asked the question, “What do we fill our inner echo chambers with?” The famous «Sh’ma Israel» in Deuteronomy 6,4ff. emphasises the importance of remembering God’s deeds. The Bible fills our echo chambers. And since earliest times, Christian art has also played a significant role here. From our own lives, we know that art enriches and leaves an imprint on our faith.

Among the best-known paintings, and one that spiritual books have been written about, is Rembrandt’s «Return of the Prodigal Son».
Now, in the Hermitage in St. Petersburg, this picture is complemented by another father-son painting on the opposite wall. It is a far less well-known picture, and is hardly every the subject of a sermon. It is surely not by chance that both pictures are hanging in the same room. As a visitor to the gallery, we stand between the two pictures and are forced to turn our back to one of them – as if we could not really see together these two themes which belong together. The love of God and the call to obedience. The call to obedience is loud. In truth, we prefer to turn to the other picture.

That is not what a friend of mine did. E. Bailey Marks Jr. writes:

“For a number of years, many people have been in love with Rembrandt’s The Return of the Prodigal Son — to be honest, I never got it!  I looked at it, I gazed at it, I stared at it and I even went to see it at The Hermitage.  As I turned 180 degrees to leave The Prodigal, I saw another Rembrandt on the opposite wall; The Sacrifice of Isaac.  I was spellbound and haven’t been able to get it out of my mind.
The most obvious feature to me is Isaac’s complete vulnerability and the trust that he shows in his father, knowing his father will do what is best for him.  Do I have that same trust in The Father?  The second is Abraham’s active posture — he was told by God to kill his son.  Abraham is determined to be obedient to The Father.  You see the strength in Abraham’s left hand, constraining the young boy while his right hand lunges with the knife.  The angel stops Abraham forcibly, causing the blade to fall.  Again, I ask if I am willing to obey like that.
My wife encapsulated the Christian faith for our two sons as they were growing up in the song, Trust and Obey.  Those, to me, are the key verbs of our faith: Trust and Obey.  Rembrandt captures those two words in this beautiful painting.”


Let us spend a little time with this picture. Its centre is in motion. There we see the falling knife, which in my opinion is also the central point in the content. Abraham and Isaac (both!), trusting God, offer their complete obedience. And to this obedience comes a staggering response: the blade no longer falls on Isaac, but will demand the blood of a sacrificial animal, while Abraham will release his hand from Isaac’s face and lift him up from the pile of firewood. Christians recognise in this a prophecy which points to the «Agnus Dei, qui tollis peccata mundi»: Christ as the sacrificial lamb, which takes away the sins of the world – in unflinching obedience to the Father.

Can we see motion in the picture of the Prodigal Son as well? No, but there was motion, just before this moment where everything stands still. Weighed down and exhausted, but also full of trust, the son has let himself sink to his knees and into the arms of the father. Now the peace of the father flows over him and calms the storm in the breast of the returning son. For a moment (or for a long time?), nothing moves. The second son, too, stands still – but not because he feels the same peace, but because he is frozen in horror.

With what, then, do these pictures fill our «echo chambers»
Regarding the «Prodigal Son», so much has already been said. Personally, I agree fully with Bailey Marks when he recognises in the «Isaak» picture a challenge to obedience. Do I keep the 10 Commandments, for example – trusting that in them God has my best interests at heart? Do I say «no» to things and people who wish to lead me away from them? Do I accept it when God gives me a difficult task and expects me to take a not very easy path? Perhaps I cannot explain why this is so – no more than Abraham knew why he should sacrifice Isaac. Perhaps however, I discover that somebody has to do this task. And because I do not run away from it, I myself become more mature, more patient, and grow in my love towards God and my fellow man. And, above all, in the midst of my struggle for obedience and trust in God, I know this: the blade is not meant for me. And behind me there is another picture, which wishes to fill my inner echo chamber: the love of the Father for a son who was lost, who failed because of his disobedience.

text: Beat Rink / translation: Bill Buchanan

DEUTSCH

Das letzte TUNE IN stellte die Frage: Womit füllen wir unsere inneren Echokammern?
Das berühmte «Schma Israel» in 5.Mose 6,4ff. hebt die Bedeutung der Erinnerung an die Taten Gottes hervor. Die Bibel füllt unsere Echokkammern. Und seit jeher nimmt hier auch die christliche Kunst eine wichtige Rolle ein. Wir wissen aus unserem eigenen Leben: Kunst bereichert und prägt  unseren Glauben.

Zu den berühmtesten Bildern, über das auch geistliche Bücher geschrieben wurden, gehört Rembrandts «Heimkehr des verlorenen Sohnes». Das Bild wird nun aber auf der gegenüberliegenden Seite des Ausstellungsraums in der Eremitage St.Petersburg von einem anderen Vater-Sohn-Bild ergänzt. Es ist ein weitaus weniger bekanntes Bild, über das auch kaum gepredigt wird.
Wohl nicht zufällig hängen die beiden Bilder im selben Raum. Als Betrachter steht man dazwischen und kehrt einem der beiden Bilder unweigerlich den Rücken zu – so, als könnte man nicht richtig zusammensehen, was zusammengehört. Die Liebe Gottes und der Ruf nach Gehorsam. Dieser Ruf nach Gehorsam ist laut. Eigentlich wenden wir uns lieber dem anderen Bild zu.

Nicht so ein Freund von mir. E. Bailey Marks Jr. schreibt:

“Seit vielen Jahren sagen zahlreiche Menschen, wie sehr sie Rembrandts«Heimkehr des verlorenen Sohnes» lieben. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe das nie ganz verstanden! Ich habe das Bild betrachtet, intensiv studiert und bin sogar zur Eremitage gereist, um es im Original zu sehen. Doch als ich mich vom «verlorenen Sohn» abwandte und mich um 180 Grad umdrehte, entdeckte ich an der gegenüberliegenden Wand einen anderen Rembrandt: «Die Opferung Isaaks». Ich war wie gebannt und konnte mich kaum davon losreissen. Am eindrücklichsten war für mich die völlige Ergebenheit und das Vertrauen, das Isaak gegenüber seinem Vater hatte. Denn er wusste, dass der Vater das Beste für ihn wollte. Habe ich dasselbe Vertrauten zum himmlischen Vater? Das Zweite ist Abrahams aktive Bewegung – er hatte von Gott den Auftrag, seinen Sohn zu töten. Abraham war bereit, dem Vater zu gehorchen. Man sieht die Kraft in Abrahams linker Hand, mit dem er den jungen Mann festhält, während seine rechte Hand mit dem Messer ausholt. Der Engel hält Abraham gewaltsam zurück, so dass die Klinge zu Boden fällt. Noch einmal frage ich mich, ob ich genauso gehorsam sein könnte.
Meine Frau hat für unsere beiden heranwachsenden Söhne den christlichen Glauben in einem Lied zusammengefasst: «Vertraue und gehorche». Dies sind für mich die Schlüsselwörter unseres Glaubens: Vertraue und gehorche. Rembrandt fängt beides in seinem wunderbaren Bild ein.”


Bleiben wir noch ein wenig bei diesem Bild. Sein Zentrum ist bewegt. Es ist die fallende Klinge, die meiner Meinung nach auch inhaltlich das Zentrum darstellt. Abraham und Isaak (beide !) setzen im Vertrauen auf Gott ihren ganzen Gehorsam ein. Und dieser Gehorsam erfährt eine gewaltige Antwort: Die Klinge fällt nicht mehr auf Isaak, sondern sie wird das Blut eines Opfertiers fordern, während Abraham die Hand von Isaaks Gesicht lösen und ihn vom Scheiterhaufen aufrichten wird. Christen erkennen darin eine Prophetie, die auf das auf  das «Agnus Dei, qui tollis peccata mundi» vorausweist: auf Christus als das Opferlamm, das die Sünde der Welt trägt – in konsequentem Gehorsam zum Vater.

Gibt es eigentlich auch eine Bewegung im Bild vom verlorenen Sohn?Nein, aber es gab eine, kurz vor jenem Moment, wo alles stillsteht. Schwerfällig und erschöpft, aber auch vertrauensvoll hat sich der Sohn auf die Knie und in die Arme des Vaters fallen lassen. Nun breitet sich der Frieden des Vaters aus und stillt den Sturm im Innern des heimgekehrten Sohnes. Für einen Moment (oder für eine lange Zeit?) bewegt sich nichts. Auch der zweite Sohn still steht – aber nicht, weil er den selben Frieden spürt, sondern weil er vor Schreck erstarrt.

Womit füllen diese Bilder nun unsere «Echokammern»? 
Über den «verlorenen Sohn» ist schon so viel gesagt worden. Ich selber pflichte Bailey Marks bei, wenn er im «Isaak»-Bild eine Herausforderung zum Gehorsam erkennt. Halte ich mich etwa an die 10 Gebote – im Vertrauen, dass Gott es damit gut meint? Sage ich «Nein» zu Dingen und Menschen, die mich davon abbringen wollen? Lasse ich es zu, dass Gott mir eine schwere Aufgabe gibt und mir einen nicht so einfachen Weg zumutet? Ich habe vielleicht keine Erklärung dafür – so wenig wie Abraham wusste, warum er Isaak opfern sollte. Vielleicht entdecke ich aber: Jemand muss diese Aufgabe tun. Und weil ich nicht davon fliehe, werde ich selber reifer, geduldiger und wachse in der Liebe zu Gott und zu anderen Menschen. Und vor allem: Mitten in meinem Ringen um Gehorsam und Gottvertrauen weiss ich: Die Klinge gilt nicht mir. Und in meinem Rücken ist ein anderes Bild, das meine innere Echokammer füllen will: Die Liebe des Vaters zum verlorenen, an seinem Ungehorsam scheiternden Sohn.

Text: Beat Rink

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