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15.
April
2014

Römerbrief 5,8

“Gott aber beweist seine Liebe gegen uns damit, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.” In dieser Passionszeit wollen wir uns darauf besinnen, was der Tod von Jesus am Kreuz bedeutet. Lassen wir einen der renommiertesten christlichen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zu Wort kommen: Clive Staples Lewis (aus „Pardon, ich bin Christ / Kap. II,4).

“Uns wird gesagt, dass Christus für uns getötet wurde, dass sein Tod unsere Sünden weggewaschen und den Tod selbst zunichte gemacht hat. Das ist die Formel. Das ist das Christentum. Das ist zu glauben. Daneben sind all unsere Versuche, zu erklären, auf welche Weise Christi Tod das bewirkt, nebensächlich. Sie sind nichts weiter als Pläne, als Hilfsmittel, die wir beiseite legen sollten, wenn sie uns nichts nützen, und die, selbst wenn sie uns nützen, nicht mit der Sache selbst verwechselt werden dürfen. – Dennoch lohnt es sich allerdings, einige dieser Theorien näher zu betrachten.

Eine sehr bekannte Erklärung habe ich vorher schon erwähnt, die Theorie nämlich, dass Gott uns laufen lässt, weil Christus bereit war, sich an unserer Stelle bestrafen zu lassen. Auf den ersten Blick erscheint das sehr einfältig. Wenn Gott uns ohnehin die Strafe erlassen wollte, warum in aller Welt hat er es nicht einfach getan? Und welchen Sinn soll es haben, statt dessen einen Unschuldigen zu strafen? Überhaupt keinen, würde ich meinen, solange wir an Strafe im Sinne des Strafgesetzbuches denken.

Denken wir aber an einen Menschen, der Schulden hat, dann müssen wir zugeben, dass es durchaus sinnvoll sein kann, wenn ein anderer, der über ausreichende Mittel verfügt, für ihn die Schuld bezahlt. Oder denken wir an Busse nicht im engen Sinn von Strafe, sondern in dem allgemeineren, wo es soviel bedeutet wie ‘die Folgen tragen’ oder ‘eine Rechnung begleichen’. Wir wissen alle, dass es gewöhnlich die Aufgabe eines guten Freundes ist, einem anderen aus der Patsche zu helfen.

Nun, in welche ‘Patsche’ war der Mensch geraten? Er hatte versucht, allein zurecht zu kommen, so zu tun, als gehöre er sich selbst. Mit anderen Worten, der gefallene Mensch ist nicht nur ein unvollkommenes Wesen, das verbesserungswürdig wäre, er ist ein Rebell, der die Waffen niederlegen muss. Die Waffen niederlegen, sich ergeben, bereuen, einsehen, dass wir auf dem falschen Weg sind, und dazu bereit sein, von Grund auf neu zu beginnen – das ist der einzige Weg hinaus aus unserer ‘Patsche’. Diese bedingungslose Kapitulation, dies ‘mit Volldampf zurück’ – das ist es, was die Christen unter ‘Busse’ verstehen.

Busse tun ist freilich kein Vergnügen. Es ist viel schwerer, als einfach nur ein reuiges Gesicht zu zeigen. Es bedeutet, allen Eigendünkel und Eigenwillen, den wir uns im Laufe der Jahrtausende anerzogen haben, abzulegen. Es bedeutet, einen Teil unseres eigenen Selbst zu töten, eine Art Tod zu erleiden. Genaugenommen braucht es einen guten Charakter, um bereuen zu können. Und da liegt der Haken. Nur ein böser Mensch muss Busse tun, aber nur der gute Mensch kann wahrhaft bereuen. Je schlechter wir sind, desto mehr sollten wir unser Tun bereuen und desto weniger können wir es. Der einzige Mensch, der zu vollkommener Reue fähig wäre, wäre selbst vollkommen – und hätte sie darum nicht nötig.

Und wir dürfen eines nicht vergessen: Diese Reue, diese Bereitschaft, uns zu demütigen und in gewisser Weise töten zu lassen, sind nicht Bedingungen, die wir erfüllen müssen, bevor Gott uns wieder annimmt, und die er uns ersparen könnte, wenn er es wollte. Nein, damit beschreiben wir vielmehr, wie der Weg zurück zu Gott aussieht. Wir können ihn natürlich bitten, uns ohne Reue, Unterwerfung und Tod wieder anzunehmen, aber das hiesse, ihn bitten, uns zurückkommen zu lassen, ohne das wir zurückgehen müssten. Und das ist unmöglich.

Es ist also ganz klar, wir müssen da hindurch. Aber gerade die Bosheit, wegen der wir den Weg zurück antreten sollten, hindert uns auch daran, ihn zu gehen. Können wir ihn gehen, wenn Gott uns hilft? Ja – aber was verstehen wir unter Gottes Hilfe? Wir meinen, dass Gott gewissermassen ein Stück von sich selbst in uns hineinlegt. Er leiht uns ein wenig von seinem Urteilsvermögen, und auf diese Weise können wir denken; er legt ein wenig von seiner Liebe in uns hinein, und so können wir einander lieben.

Wenn wir versuchen, einem Kind das Schreiben beizubringen, dann führen wir ihm die Hand, während es die Buchstaben formt; das heisst, es malt die Buchstaben, weil eigentlich wir sie formen. Und genauso ist es mit uns. Wir lieben und denken, weil Gott liebt und denkt und uns die Hand führt. Wären wir nicht von ihm abgefallen, dann wäre das alles unproblematisch. Aber weil wir es sind, brauchen wir nun seine Hilfe, um etwas tun zu können, was Gott aufgrund seines Wesens eigentlich nie tut – sich ausliefern, leiden, sich unterwerfen und sterben. All das ist Gottes Wesen völlig fremd. Der Weg, für den wir Gottes Führung also am meisten brauchen, ist ein Weg, den er selber nie gegangen ist. Gott kann nur das mit uns teilen, was er in seinem eigenen Wesen selbst hat. Dieser Weg aber ist ihm fremd.

Nehmen wir aber einmal an, Gott würde Mensch; nehmen wir an, unsere menschliche Natur, die leiden und sterben kann, dann würde sich mit Gottes Wesen in dem des Menschen vereinigen. Dieser Mensch könnte uns helfen. Er könnte seinen Willen aufgeben, er könnte leiden und sterben, weil er Mensch wäre; und er könnte es vollkommen tun, weil er Gott wäre. Wir können diesen Weg nur gehen, wenn Gott ihn in uns geht; Gott, auf der anderen Seite, kann nur gehen, wenn er Mensch wird.

Uns Menschen kann dieses Sterben nur gelingen, wenn wir an Gottes Sterben teilhaben, genau wie unser Denken nur deshalb zu etwas führt, weil es ein Tropfen aus dem Meer seiner Intelligenz ist. Aber wir können an Gottes Tod nicht teilhaben, solange er nicht wirklich selbst stirbt; und Gott kann nicht sterben, es sei denn, er würde ein Mensch. Und genau auf diese Weise begleicht er unsere Schuld und erleidet für uns, was er selbst nie hätte zu leiden brauchen.”


TUNE IN 68 vom 15 . April 2014 | Text: Clive Staples Lewis: Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben. 17. Auflage. Basel: Brunnen, 2004 (Originaltitel: Mere Christianity 1952) | Einleitung: Beat Rink, Präsident von ARTS+ | Bild: “Die drei Kreuze”. Radierung von Rembrandt, 1653 | Weitere TUNE INs findest Du hier

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Künstlerportrait

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Maya Heusser

Theater, Musical
Bühnenreif macht Musicals. Konzept, Story und Regie von mir und alles andere aus meinem grossen Netzwerk. Zur Zeit sind wir mit dem Musical Küstenpfad auf Tournee. Ein Stück für die kleine Bühne mit viel Weitsicht. Das Thema ist Einsamkeit und
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