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15. November 2019

NEU: Wochentext von Matthias Krieg / Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī

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Es gab eine Zeit, da ich meinen Nächsten ablehnte, / wenn sein Glaube nicht der Mei­­ne war. // Heute ist mein Herz Herberge für alle Religionen: / Weide für Gazellen und Kloster für Christenmönche, / Tempel für Götzenbilder und Kaaba für Pilger, / es ist Gefäss für die Tafeln der Thora und die Verse des Koran. // Denn meine Religion ist die Liebe, / und wohin auch ihre Karawane zieht, / dort ist auch mein Weg. / Denn die Liebe ist mein Bekenntnis und mein Glaube.

Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī, Gedicht, arabisch vor 1240.

Kaum vorstellbar: das Herz als Herberge für alle Religionen. Muḥyī d-Dīn Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn ʿAlī Ibn ʿArabī al-Ḥātimī aṭ-Ṭāʾī ist der volle und stolze Name dessen, der derlei schreibt. Er tut es zuerst in Spanien, denn dort ist er 1265 gebo­ren. In Murcia verbrach­te er seine Kindheit und in Sevilla seine Jugend. Im Mannes­alter zog es ihn über Nordafrika und Mekka in den Nahen und Mittleren Osten. 1240 ist er in Damaskus gestorben. Er hat eine grosse Literatur hinterlassen.

Heute kaum vorstellbar: das Herz als Herberge für alle Religionen. Was Ibn Arabi zum Magister Magnus gemacht hat, ein Ehrentitel des christlichen Westens für den Mann aus dem musilimischen Osten, wäre heute schutzbedürftig. Ohne Bodyguards könnte so einer heute, ob im Westen oder im Osten, ob islamistischen oder evangeli­kalen Fundamentalisten ausgesetzt, wohl kaum aus dem Haus, und gross würde heu­­te kaum jemand einen solchen Lehrer finden.

Liebe ist seine Religion. Sie ist sein Bekenntnis und sein Glaube. Das würden heute, ohne deshalb schon weiter in die Tiefe zu gehen, viele sogar teilen. Doch Lie­be bei Ibn Arabi ist nicht sesshaft, sondern un­ter­­wegs, nicht häuslich, sondern frei­le­bend, nicht idyllisch, sondern riskant. Seine Lie­be ist nicht etabliert. Sie hat eine Ka­ra­wane. Hier hört für viele Heutige die Sympathie bald auf. Von Liebe zu reden, ohne je das eigene Dorf, die eigene Stadt, das eigene Land zu verlassen, wäre für Ibn Arabi nicht möglich, kommt sie doch erst dann vom oberflächlichen Daherreden weg und zu ih­rer eigentlichen Tiefe, wenn sie aushäusig wird und in die Fremde zieht. Liebe in der Fremde und zum Fremden, Liebe zu dem, der nicht ich bin, Liebe zum Nicht-Ich: erst sie ist religiöse Liebe, ist Bekenntnis und Glaube.

Liebe ist seine ganze Religion. Logik lässt schliessen, dass Hass dort zu Hause ist, wo man keine Karawa­ne hat, in seinen Grenzen bleibt, die Fremde mei­det. Hassre­den sind deshalb erfah­rungs­lose Worte, blindlings über Grenzen hin­wegg­eschleu­dert, die man selbst nie überschrei­tet, ahnungslose Tiraden, in unbe­kann­tes Land ent­sandt, vor dem man eine dumpfe Angst entwickelt, herzloses Ge­schwafel, aus Höh­len gefunkt, die niemals Herbergen für andere waren. Hass ist unheimlich sess­haft, Liebe aber ist heimlich immer unterwegs. Ihre Kara­wa­ne zieht.

Vorstellbare Liebe in unvorstellbarer Zeit? Vor achthundert Jahren hat der Sohn Ara­biens im christlichen Abendland eine Kultur entwickelt, die heute vorbildlich wäre. Ihr Be­kennt­nis wäre, dass in jedem, der anders ist als ich, genau deshalb etwas steckt, was mich bewegt und verändert, bereichert und beglückt, was mich zusammen mit ihm vertieft und erhöht: Sofern ich zuhöre statt urteile, hinsehe statt wegschaue. So­fern ich transzendiere, statt im Eigenen zu verharren. Ihr Glaube wäre, dass im Ande­ren, der ich nicht bin und nie sein werde, ebenso ein Göttliches wohnt, wie im Eige­nen, selbst wenn mir dessen Art, Name und Vorstellung unbekannt sind und immer ir­gendwie fremd bleiben: Sofern ich überschreite statt verleumde, transzendiere statt blasphemiere. Hassende, solche ohne Herberge und Karawane, sind heute die eigent­­­lichen Atheisten. Liebe aber ist vorstellbar: als weltoffene, mutige und stolze  Ka­rawanserei in den gottlosen Wüsten des Hasses.

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