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05.
Juli
2021

«Maybe I was wrong!» / «Vielleicht lag ich falsch!»

ENGLISH

In the last few weeks, I have been affected by the parting of a dear and also interesting person. One of my great-uncles died at the age of 92. This was therefore no close relative, his death was not at all unexpected, and it was in large measure a deliverance. And nevertheless I missed this uncle. Unfortunately, it was only in the last few years that I got to know Werner, because he had spent his youth in Vancouver before returning to the country his family come from. After he received an ominous diagnosis three months ago, a diagnosis he accepted with astonishing calmness, I had a couple of further opportunities to visit him. This was after a year had passed in which Covid prevented us from meeting at all.

A typical artist: inexhaustibly creative
During these visits, Werner told me a great deal about his life as an artist. He was an architect and filmmaker, and still had ideas for some projects. A typical artist: inexhaustibly creative!

A typical artist (of today): a battling atheist
Werner was no doubt also typical artist of our present-day in the way that he constantly repeated in the course of our conversations, with great honesty, this statement: «I am an atheist! I respect what you think. But I cannot believe in God.» He always said this with an undertone that secretly expected a counter-statement and hoped for a heated dispute.

A typical artist: mentally flexible to the last
Generally, a 92-year-old has become fixed in his views and opinions. Not so my uncle. He loved Glenn Gould and had heard him himself, which explains why the reading material I was able to bring to his hospital bedside struck home: he found the experiences of the piano tuner Franz Mohr as gripping as a detective story*. For the spiritual messages in the chapters concerning Glenn Gould or Wanda Horowitz, however, he found no sympathy. And yet on several occasions he said, reflecting deeply: «Maybe I was wrong!» and added that we should certainly continue our discussions. In addition, he always allowed me to pray for him each time I visited and was always visibly moved as he thanked me. This mental flexibility impressed me deeply. Unfortunately, I was abroad when Werner died. But on the telephone he said one further thing: «It is a gift that we have met and can speak about such deep things. This has to go on!»

One of art’s important tasks
The philosopher Walter Hoeres writes that knowledge requires «radical unprejudiced openness for the immense possibilities beyond the world of things… This openness for the other ways things can be is the beginning of all critical wisdom. It is at the same time also the completely open essence of knowledge.»
Is this perhaps one of the most important tasks of art, awakening mental openness for the «other ways things can be»?! The precondition for this, however, is that artists themselves remain open, inquisitive and flexible – and at the age of 92 can still say: «Maybe I was wrong»

Text: Beat Rink / Translation: Bill Buchanan
* see www.franzmohr.com

 

DEUTSCH

In den letzten Wochen bewegte mich der Abschied von einem liebenswürdigen und zudem interessanten Menschen. Im hohen Alter von 92 Jahren starb ein Grossonkel von mir. Es war also kein naher Verwandter und der Tod kam keineswegs unerwartet und war eher eine Erlösung. Und trotzdem vermisse ich diesen Onkel.
Leider hatte ich Werner erst vor ein paar Jahren kennen gelernt, weil er seit seiner Jugend in Vancouver gelebt hatte, bevor er in das Land seiner Herkunftsfamilie zurückkehrte. Als er vor drei Monaten eine schlimme Diagnose bekam, die er erstaunlich gelassen entgegennahm, konnte ich ihn noch ein paarmal besuchen. Dies, nachdem wir uns wegen Covid über ein Jahr nicht gesehen hatten…

Ein typischer Künstler: unermüdlich kreativ
Werner erzählte mir  bei diesen Besuchen viel aus seinem Künstler-Leben. Er war Architekt und Filmemacher und hatte noch einige Projekte in der Schublade. Ein typischer Künstler: unermüdlich kreativ bis zuletzt!

Ein typischer (heutiger) Künstler: ein streitbarer Atheist
Ein typischer Künstler unserer Gegenwart war Werner wohl auch, weil er mir mit grosser Ehrlichkeit im Verlauf unserer Gespräche immer wieder sagte: «Ich bin Atheist! Ich respektiere, was du denkst. Aber ich kann nicht an Gott glauben.» Er sagte das jeweils mit einem Unterton, der insgeheim Widerspruch erwartete und auf ein Streitgespräch hoffte.

Ein typischer Künstler: geistig flexibel bis zuletzt
Im Allgemeinen sind 92-jährige Menschen in ihren Anschauungen festgefahren. Nicht so mein Onkel. Er liebte Glenn Gould und hatte ihn selber gehört, weshalb die Lektüre, die ich ihm ans Spitalbett bringen konnte, ins Schwarze traf: Er fand die Erlebnisse  des Klavierstimmers Franz Mohr spannend wie einen Kriminalroman*. Den geistlichen Botschaften in den Kapiteln über Glenn Gould oder über Wanda Horowitz konnte er allerdings nicht zustimmen. Und doch sagte er mehrmals sehr nachdenklich: «Maybe I was wrong!» – “Vielleicht lag ich falsch!” und fügte hinzu, dass wir unsere Gespräche unbedingt fortsetzen sollten. Dazu erlaubte er mir bei jedem Besuch, für ihn zu beten und dankte jeweils sichtlich bewegt. Diese geistige Flexibilität beeindruckte mich tief. Leider war ich im Ausland, als Werner starb. Aber am Telefon sagte er mir noch: «Es ist ein Geschenk, dass wir uns kennen und über so tiefe Dinge reden können. Das muss fortgesetzt werden!»

Eine wichtige Aufgabe von Kunst
Der  Philosoph Walter Hoeres schreibt, Erkenntnis erfordere «die radikale unvoreingenommene Offenheit für die ungeheuren Möglichkeiten des Andersseins der Dinge…Diese Offenheit für das Anderssein der Dinge ist der Anfang aller kritischen Weisheit. Sie ist auch das verborgene und zugleich ganz offene Wesen der Erkenntnis.»
Gehört es vielleicht zu den wichtigsten Aufgaben der Kunst, geistige Offenheit für das «Anderssein der Dinge» zu wecken?! Dies bedingt allerdings, dass Künstler selber offen, neugierig und flexibel bleiben – und mit  92 noch sagen können: «Maybe I was wrong»…

Text: Beat Rink
s. www.franzmohr.com

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Künstlerportrait

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Maya Heusser

Theater, Musical
Bühnenreif macht Musicals. Konzept, Story und Regie von mir und alles andere aus meinem grossen Netzwerk. Zur Zeit sind wir mit dem Musical Küstenpfad auf Tournee. Ein Stück für die kleine Bühne mit viel Weitsicht. Das Thema ist Einsamkeit und
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