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14.
Juni
2015

Künstler in der Kirche / Teil I: Anbetung

Wir möchten in diesem und in einigen weiteren TUNE INs fragen: Wie können Künstler in der Kirche dienen? Warum ist das Engagement von Künstlern in der Kirche wichtig? Tatsache ist, dass nicht alle Kirchen und Kirchgemeinden eine Ahnung davon haben (oder eine Erinnerung daran), wie wichtig Kunst für sie sein könnte. Und nicht alle Künstler sind motiviert, ihre Gaben in einer Kirche einzusetzen. Dies vielleicht aus einem gewissen elitären Denken heraus, vielleicht aber auch, weil sie – trotz allen guten Willens – demotiviert wurden.

Zum Thema dieses TUNE INs: Anbetung. Tatsächlich ist Anbetung in den Kirchen oft ein sehr heiss diskutiertes Thema. Und zwar schon seit Jahrhunderten. Dies hat mit gewissen Spannungspolen zu tun. Ich möchte folgende nennen:

1.     Tradition und Innovation
2.     Individualität und Gemeinschaft
3.     Spontaneität und programmierter Ablauf
4.     Anbetungsarme Lebenswirklichkeit und gottesdienstliche Anbetung

Beleuchten wir hier das letzte Begriffspaar: Lebenswirklichkeit – Anbetung. Ich beobachte in gottesdienstlichen Anbetungszeiten nicht selten, wie gerade Männer sich offensichtlich fehl am Platz fühlen, während die Frauen ganz “dabei” sind. Woran liegt das?

Möglich, dass einige dieser Männer mit dem Lob Gottes und vielleicht sogar mit dem Glauben gar nicht vertraut sind. Es könnte aber auch sein, dass die Lebenswirklichkeit und das Lebensgefühl vieler Männer – oder sagen wir doch lieber: vieler Menschen – weit entfernt ist von der gottesdienstlichen Anbetung und dem darin gepflegten Stil.  Ich denke, wir alle kennen das.

Wie sieht denn diese alltägliche und berufliche Lebenswirklichkeit aus? Sie ist (anders als etwa zu biblischen Zeiten mit festgelegten gottesdienstlichen Elementen) glaubens-fern. Sie ist heute auch meist gemeinschafts-fern: jeder kämpft in seinem Berufsleben für sich. Und jeder muss seine Gefühlswelt verbergen, will er nicht als sentimental gelten (damit ist auch das Spannungsfeld zwischen Individualität und Gemeinschaft angesprochen).

Am Sonntag steht nun aber in vielen Gemeinden schon von den ersten Minuten an das Gegenteil auf dem Programm: Anbetung Gottes “sozusagen aus dem Stand heraus”, gemeinsames Singen (und andere Elemente bekundeter Gemeinschaft wie Aufstehen, Klatschen usw.), emotionale Beteiligung. Dies ist für manche eine Überforderung.

Gottesdienstliche Anbetung erfordert verschiedene Dinge. Dazu gehört eine sensible Leitung. Es braucht eine Sensibilität für die  jeweilige Situation – sprich: für die anwesenden Menschen – sowie für das Wirken des Heiligen Geistes. Eine gute Anbetung wird aber auch immer wieder auf qualitativ hochstehende Musik und Texte zurückgreifen.

Gerade wo es gilt, die Brücke zu schlagen zwischen “anbetungsarmer Lebenswirklichkeit” und “gottesdienstlicher Anbetung” ist Kunst gefordert. Ich behaupte: Es gelingt nur einer guten Anbetungsleitung und dazu guter Kunst (das heisst: guter Musik und Lyrik – und dazu kommen dann die ausführenden Sänger und Musiker), den Menschen in seiner Lebenswirklichkeit anzusprechen und sie subtil hineinzuführen in eine Anbetungshaltung.

Nehmen wir die alten Kirchenlieder. Sie sprechen oft von der Realität ausserhalb des Gottesdienstes, die anbetungsarm ist. Darin gleichen sie den Psalmen. Die Klagepsalmen setzen schonungslos damit ein, die individuellen oder gemeinschaftlichen Nöte vor Gott auszubreiten, bevor sie zum Lob hindurchdringen.

Bei Hiob finden wir die ganze Spannung zwischen Not und Anbetung im Ausruf: “Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen – der Name des Herrn sei gelobt!” (Hiob 1,21) – Im Hebräischen steht hier nicht der direkte Lobruf “barak”, sondern das Jussiv (Jussiv=Befehl, der von einer nicht anwesenden Person bzw. Gruppe von Personen ausgeführt werden soll) und bedeutet etwa: “Das Loben Gottes muss weitergehen, ich kann es jetzt nicht, niemand wird das von mir erwarten, auch Gott nicht. Aber Hiob kann aus der Tiefe der Verzweiflung weit weg dorthin schauen, wo das Loben Gottes trotzdem weitergeht”, so der Theologe Claus Westermann.

Auch klassische Werke, welche die “Anbetung Gottes” zum Thema haben – oder besser: die in die Anbetung hineinführen, setzen meist “unten” an, bevor sie sich zum Lob Gottes emporschwingen. Beispielhaft dafür sind für mich Igor Strawinskys “Psalmensymphonie” oder Arthur Honeggers “Weihnachtskantate” …

Aber es müsste auch guter moderner Anbetungsmusik, die von der Gemeinde mitgesungen wird, gelingen, die Brücke zwischen den beiden Spannungspolen zu schlagen. Und es müsste in den Kirchen auch gute Textlesungen, tänzerische Beiträge oder visuelle Kunst geben, die subtil zur Anbetung Gottes führen.

Ein Letztes: Ich selber erlebe, wie dann gute Anbetungs-Musik und Anbetungs-Lyrik im Alltag nachklingen und gerade die anbetungsarmen Stunden durchdringen.

Fragen:

  • Welche Anbetungsmusik (oder andere Kunst) begleitet mich – am Sonntag und im Alltag?
  • Wo könnte ich neu solche Schätze entdecken und stärken in meinen Alltag hineinnehmen?
  • Wo kann ich selber dazu beitragen, dass gute Anbetungskunst entsteht – sowohl als Künstler als auch als (Mit-)Verantwortlicher in einer Gemeinde?

PS: Es würde uns freuen, wenn Sie diese neuen TUNE IN-Beiträge an Pfarrer und Gemeindeleiter weiterschicken und sie als Gedankenanregung dienen könnten.


TUNE IN 128 vom 14. Juni 2015 | Unser Text ist von Beat Rink, Präsident von ARTS+| Weitere TUNE INs findest Du hier

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Künstlerportrait

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Maya Heusser

Theater, Musical
Bühnenreif macht Musicals. Konzept, Story und Regie von mir und alles andere aus meinem grossen Netzwerk. Zur Zeit sind wir mit dem Musical Küstenpfad auf Tournee. Ein Stück für die kleine Bühne mit viel Weitsicht. Das Thema ist Einsamkeit und
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