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29. November 2018

Gabriele Münter’s “Still Life Pentecost” / Gabriele Münters “Stillleben Pfingsten”

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ENGLISH

The Ludwig Collection in Cologne is currently giving an insight into the work of Gabriele Münter (1877–1962) in a large exhibition under the title “Painting to the Point”. Münter was a cen­tral fig­ure of German Expressionism and the Blue Rid­er artist group, which was found­ed at her house in Mur­nau. Besides wonderful landscapes and portraits, one is struck by some still life paintings, including three pictures with a Holy Spirit dove.
The carved original from the 19th century, owned by Münter and Kandinsky, is likewise on display with them. This is good, for it enables us to follow the changes that the carved dove undergoes in the pictures.

The dead dove
Now, I am not an art historian and can therefore only consider the pictures through theological glasses. But any amateur in art history would notice one point: the dove is not hovering. In the two larger pictures (to discuss them first of all), it is practically on its back. But a dove lying on its back is dead. What has Pentecost turned into here? Obviously a still life, in French “nature morte” [“dead nature”]. The only reminder of the original significance is in the title:“Still Life Pentecost”and“Still Life Pentecost II”.

The aureole – a archery target
Even the heavenly aureole, which surrounds the Holy Spirit, has become separated from the dove. As the commentary in the exhibition catalogue puts it, it is becoming more and more like an archery target. Unfortunately, no information is available about the dates when they were painted; for all of them, the catalogue simply specifies the year 1934. But it would not be surprising if the third picture were the last one: here, the aureole has become entirely separated from the dove and has moved into the background. Along with some picture frames, and with withered flowers on it, it is waiting to be cleared away. On the other two pictures, the flowers are still fresh and join with the apples to create the impression of carefully arranged decoration rather than a collection of items for throwing away. The title of the third picture now only speaks of “Tyrolean Still Life” and not, for example, “Still Life Pentecost III”.

Crucifixion

So far, a further point has been left unmentioned: in all three pictures, the dove resembles Jesus on the cross. Interestingly, Münter moves the dove’s feet further and further upwards – towards the chest, which reminds the beholder of the wound in Jesus’ side. This is particularly true of the third picture. Yet it is in the third picture, strangely enough, that the dove seems most alive. This happens because the artist has given the dove an eye again and because it is no longer lying down, but is standing as if preparing to fly.

What statement are these pictures making?
I would not presume to conjecture about Gabriele Münter’s original intention. Against the background of her interest in the “spiritual” (see Kandinsky’s book “Über das Geistige in der Kunst” [“On the Spiritual in Art”]) and in the “religious” (in other cultures as well), it is possible to suppose that the Holy Spirit dove meant more to her than simply a folk art carving. Did it even stand for the “spiritual”, or even for the “Holy Spirit” in the sense of the New Testament message? We don’t know.

What effect, then, does this series have on a beholder with theological interests?
On this, one can make observations “without guarantee”: it seems here as if our attitude towards Pentecost is being subjected to increasing criticism. This church celebration and its message are now only decoration and ultimately a relic from bygone ages, a relic that has to be cleared away. The glory of God becomes an archery target. The Holy Spirit himself suffers death on the cross. But just as with Christ, this death on the cross is certainly not the last word! The dove is brought back to life. In this representation of the dove, therefore, Münter has achieved a realisation of what Kandinsky says about Cézanne: “He knew how to create a being with a soul from a teacup or, putting it more correctly, recognising a being in this cup. He elevates ‘nature morte’ to a level at which outwardly “dead” things receive an inner life.” (in: “On the Spiritual in Art”)  

In my view, what we have here is “Christian art” speaking about how our times (and the church?) have forgotten Pentecost, but also speaking about the message of Pentecost itself. Perhaps it will even stimulate us once again to reckon increasingly with the living dove of the Holy Spirit.

Text: Beat Rink
Translation: Bill Buchanan

DEUTSCH

Die Sammlung Ludwig in Köln gibt gegenwärtig in einer grossen Ausstellung unter dem Titel „Malen ohne Umschweife“ Einblick in das Werk von Gabriele Münter (1877–1962). Münter war eine zen­trale Kün­stler­fig­ur des deutschen Ex­pres­sion­is­mus und der Kün­st­ler­gruppe Der Blaue Reit­er, deren Grün­dung in ihrem Haus in Mur­nau statt­fand. Neben wunderbaren Landschaften und Porträts fallen einige Stillleben ins Auge; darunter drei Bilder mit einer Heilig-Geist-Taube.
Das geschnitzte Original aus dem 19.Jahrhundert, das in Besitz von Münter und Kandinsky war, hängt ebenfalls darüber. Dies ist gut, denn es gibt Aufschluss über die Veränderung, die die geschnitzte Taube auf den Bildern erfährt.  

Die tote Taube
Nun bin ich kein Kunsthistoriker und kann die Bilder deshalb nur durch eine theologische Brille betrachten. Jedem kunsthistorischen Laien fällt aber Folgendes auf: Die Taube schwebt nicht. Auf den beiden grösseren Bildern (um zunächst von ihnen zu sprechen) liegt sie halbwegs auf dem Rücken. Eine Taube aber, die auf dem Rücken liegt, ist tot. Was ist hier aus Pfingsten geworden? Offensichtlich ein Stillleben, auf französisch „nature morte“ (“Tote Natur”). An den ursprünglichen Sinn erinnern nur noch die Titel: „Stillleben Pfingsten“ und „Stillleben Pfingsten II“.

Der Strahlenkranz – eine Zielscheibe
Selbst der himmlische Strahlenkranz, der den Heiligen Geist umgibt, ist von der Taube gelöst. Wie der Ausstellungskatalog bemerkt, gleicht er immer mehr einer Zielscheibe.
Leider ist über die jeweilige Entstehungszeit der Bilder keine Auskunft verfügbar; der Katalog nennt für alle nur das Jahr 1934. Es wäre aber nicht verwunderlich, wenn das dritte Bild das letzte wäre: Der Strahlenkranz ist hier ganz von der Taube abgelöst und in den Hintergrund gerückt. Er wartet mit einigen Bilderrahmen und mit welken Blumen darauf, weggeräumt zu werden. Auf den beiden anderen Bildern sind die Blumen noch frisch und machen zusammen mit der Äpfeln den Eindruck eines sorgfältigen angelegten Dekors und weniger einer Sammlung von Wegwerf-Gegenständen. Das dritte Bild trägt denn auch nur noch den Titel „Tiroler Stillleben“ und nicht etwa „Stillleben Pfingsten III“.  

Kreuzigungsszene
Etwas Weiteres blieb bisher unerwähnt: Die Taube gleicht auf allen drei Bildern dem Gekreuzigten. Münter rückt interessanterweise die Füsse der Taube immer weiter nach oben – zum Brustkorb hin, was den Betrachter an die Seitenwunde Jesu erinnert. Dies ist besonders beim dritten Bild der Fall. Auf diesem dritten Bild wirkt nun aber seltsamerweise die Taube am lebendigsten. Dies, weil ihr die Malerin ein Auge zurückgegeben hat, und weil sie nicht mehr liegt, sondern wie zum Abflug bereitsteht.  

Was sagen diese Bilder aus?
Ich masse mir nicht an, Vermutungen über Gabriele Münters ursprüngliche Intention anzustellen. Auf dem Hintergrund ihrer Beschäftigung mit dem „Geistigen“ (siehe Kandinskys Schrift „Über das Geistige in der Kunst“) und auch mit dem  „Religiösen“ (auch in anderen Kulturen) kann man allerdings mutmassen, dass die Heilig-Geist-Taube für sie mehr bedeutete als eine volkstümliche Schnitzerei. Stand die Taube für das „Geistige“ oder gar für den „Heiligen Geist“ im Sinn der neutestamentlichen Botschaft? Wir wissen es nicht.

Wie wirkt die Serie nun auf einen Betrachter mit theologischem Interesse?
Darüber lässt sich „ungeschützt“ Auskunft geben: Es scheint, als würde hier zunehmend Kritik an unserem Umgang mit Pfingsten geübt. Das Fest und seine Botschaft sind nur noch Dekor und schliesslich ein Relikt aus alten Zeiten, das weggeräumt werden muss. Die Herrlichkeit Gottes wird zur Zielscheibe. Der Heilige Geist selbst erleidet den Kreuzestod. Aber dieser Kreuzestod hat ebenso wenig das letzte Wort wie bei Christus! Die Taube wird zum Leben erweckt.  Damit löst Münter in der Darstellung der Taube auf ihre Weise das ein, was Kandinsky über Cézanne schrieb: „Er verstand aus einer Teetasse ein beseeltes Wesen zu schaffen oder richtiger gesagt, in dieser Tasse ein Wesen zu erkennen. Er hebt die „nature morte“ zu einer Höhe, wo die äußerlich „toten“ Sachen innerlich lebendig werden.“ (in: Über das Geistige in der Kunst)  

Ich meine, wir haben es hier mit „christlicher Kunst“ zu tun, die von der Pfingst-Vergessenheit unserer Zeit (und der Kirche?) spricht, aber auch von der Pfingstbotschaft selbst. Vielleicht gibt sie uns sogar Anstoss, wieder mehr mit der lebendigen Taube des Heiligen Geists zu rechnen.

Text: Beat Rink

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