Zurück zur Übersicht

09. Januar 2018

On the art of completely natural prayer – and a prayer for the beginning of the year / Von der Kunst des ungekünstelten Betens – und ein Gebet zum Jahresanfang

By | Tune In | No Comments

ENGLISH

“With Lissa in church. Couldn’t pray. The solemn official language of the church sounded foreign. Artificial vocabulary. Do the faithful believe that God only hears them when they pray, that he has no idea about the words that they otherwise think and say? … My life can no longer be fitted into the language of prayer. I can no longer twist myself into that shape. I inherited God with these formulas, but now I am losing him through these formulas. We make him into a magical Privy Councillor and accept his eccentric use of language because God belongs to yesterday anyway.”

These lines are from the novel “Half-Time” (1960) by the great German author Martin Walser (*1927). They summarise the language problem of many churches. Or is there a theological problem behind it because there is a barrier between our everyday lives and God?
It is true that much has changed since 1960. New churches have come into being in which one prays to God more directly, sometimes almost as a “buddy”. But even in the new churches (as in the still existing old ones) there are linguistic and musical forms and formulas which can easily place themselves between us and God. Perhaps the buddy-style phrases are no less artificial and foreign in their effect than the old-fashioned ones.
It is an important task of art to constantly free language (and other aesthetic formulas) from “the artificial” and to give expression to those words and feelings which we otherwise think, say and feel – to take up Martin Walser’s thoughts and continue them. In the language of prayer, theological word-artists are called for. Here, the simple often proves to be the convincing and genuine. An example is the following prayer for the beginning of the year by the theologian Helmut Gollwitzer (1908-1993):

“Once again, you are letting us start a new year, despite all the disappointments we caused you last year. We ask you: let your blessing be on whatever we have in the way of good resolutions and plans! Let whatever is not according to your will fail, and give us the insight to see that it is good that it has failed! Let it be a year of changing direction, changing from no faith and small faith to faith, from fear to trust in you, from disobedience to listening to your will and to doing your will! Lord, have mercy on us!”

Text: Beat Rink
Translation: Bill Buchanan

DEUTSCH

“Mit Lissa in der Kirche. Konnte nicht beten. Die feierliche Amtssprache der Kirche klang fremd. Kunstgewerbe-Vokabular. Glauben die Frommen, Gott höre sie nur, wenn sie beten, er habe keine Ahnung von den Worten, die sie sonst denken und sagen? … Mein Leben ist in der Gebetssprache nicht mehr unterzubringen. Ich kann mich nicht mehr so verrenken. Ich habe Gott mit diesen Formeln geerbt, aber jetzt verliere ich ihn durch diese Formeln. Man macht einen magischen Geheimrat aus ihm, dessen verschrobenen Sprachgebrauch man annimmt, weil Gott ja von gestern ist.”

Die Sätze stammen aus dem 1960 erschienenen Roman „Halbzeit“ des grossen deutschen Schriftstellers Martin Walser (*1927). Sie bringen das Sprachproblem vieler Kirchen auf den Punkt. Oder ist es ein dahinter liegendes theologisches Problem, weil es zwischen unserem Alltag und Gott eine Barriere gibt?
Seit 1960 hat sich zwar Vieles gewandelt. Neue Kirchen sind entstanden, in denen man direkter,  manchmal fast kumpelhaft zu Gott betet. Aber auch in den neuen Kirchen (wie in den immer noch bestehenden alten) gibt es sprachliche sowie musikalische Formen und Formeln, die sich leicht zwischen uns und Gott schieben können. Vielleicht wirken sogar die kumpelhaften nicht weniger gekünstelt und fremd wie die altmodischen.
Es ist eine wichtige Aufgabe der Kunst, die Sprache (und andere ästhetische Formeln) immer wieder von „Gekünsteltem“ zu befreien und jenen Worten und Empfindungen Ausdruck zu geben, die wir sonst denken, sagen und fühlen, um Martin Walsers Gedanken aufzugreifen und fortzuführen.
In der Gebetssprache sind die theologischen Wort-Künstler gefragt. Oft erweist sich hier das Schlichte als das Überzeugende und Echte. So im folgenden Gebet des Theologen Helmut Gollwitzer (1908-1993) zum Jahresanfang:

„Wieder lässt du uns ein neues Jahr anfangen, trotz aller Enttäuschungen, die wir dir im vergangenen Jahr bereitet haben. Wir nehmen das als ein Zeichen deiner Vergebung, wir danken dir dafür. Wir bitten dich: Was wir an guten Vorsätzen und Plänen haben, das  lass gesegnet sein!  Was nicht in deinem Sinne ist, dass lass  scheitern, und gibt uns die Einsicht, dass es gut ist, wenn es scheitert! Lass es ein Jahr der Umkehr sein, der Umkehr vom Unglauben und Kleinglauben zum Glauben, von der Angst zum Vertrauen auf dich, vom Ungehorsam zum Hören auf deinen Willen und zum Tun deines Willens! Herr, erbarme dich unser!“

Text: Beat Rink

Zurück zur Übersicht