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16. August 2019

Are we amateurs? / Sind wir Amateure?

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ENGLISH

On the first pages of his significant work «Real Presences», the literary scholar and philosopher George Steiner (*1929) emphasises the importance of immediacy in the reception of art. All too often, we seize on secondary scholarly interpretations and thus miss what an amateur (an amator, a lover of art) experiences. Are we still able, for example, to learn texts by memory?

Here is a quotation from Steiner, which we will follow with some questions:

“In reference to language and the musical score, enacted interpretation can also be inward. The private reader or listener can become an executant of felt meaning when he learns the poem or the musical passage by heart. To learn by heart is to afford the text or music an indwelling clarity and life-force. Ben Jonson’s term, “ingestion”, is precisely right. What we know by heart becomes an agency in our consciousness, a ‘pace-maker’ in the growth and vital complication of our identity. No exegesis or criticism from without can so directly in­corporate within us the formal means, the principles of executive organization of a semantic fact, be it verbal or musical. Accurate recollection and resort in remembrance not only deepen our grasp of the work: they generate a shaping reciprocity between ourselves and that which the heart knows. As we change, so does the informing context of the internalized poem or sonata. In turn, remembrance becomes recognition and discovery (to re-cognize is to know anew). The archaic Creek belief that memory is the mother of the Muses expresses a fundamental insight into the nature of the arts and the mind.
(…)

In our own licensed social systems, learning by heart has been largely erased from secondary schooling and the habits of literacy. The electronic volume and fidelity of the computerized data bank and of processes of automatic retrieval will further weaken the sinews of individual memory. Stimulus and suggestion are of an increasingly mechanical and collective quality. Encountered in easy resort to electronic media of representation, much of music and of literature remains purely external. The distinction is that between ‘consumption’ and ‘ingestion’. The danger is that the text or music will lose what physics calls its ‘critical mass’, its implosive powers within the echo chambers of the self.”

Questions:

Are we personally still amateurs of art? Do we love good art? Do we devote time to it? Do we recollect it inwardly and fill out our inner echo chambers with it?
In Deuteronomy 6,4ff., in the famous Shema (= “hear”) Israel, we find out the main thing with which we should be filling our inner echo chambers: «Hear, O Israel: The Lord our God, the Lord is one. Love the Lord your God with all your heart and with all your soul and with all your strength. These commandments that I give you today are to be on your hearts. Impress them on your children. Talk about them when you sit at home and when you walk along the road, when you lie down and when you get up.» What does this mean for us in quite practical terms: how can we once again make the biblical message an integral part of our inner life, without putting ourselves under legalistic pressure or falling into an empty routine?

What does this mean for our own artistic work? Do we firmly count on, and do we work towards, this being able to fill our «inner echo chambers»? 

Text: Beat Rink / translation: Bill Buchanan
 

DEUTSCH

Auf den ersten Seiten seines wichtigen Werks «Von realer Gegenwart» hebt der Literaturwissenschafter und Philosoph George Steiner (*1929) die Wichtigkeit der unmittelbaren Kunstrezeption hervor. Wir stürzen uns zu oft auf sekundäre wissenschaftliche Interpretationen und verpassen so, was ein Amateur (ein amator, ein Kunst-Liebhaber) erlebt. Können wir etwa noch Texte auswendig lernen?

Hier ein Zitat von Steiner, dem wir einige Fragen nachschicken werden:

“Im Hinblick auf Sprache und Musikpartituren kann aktiv verwirklichte Interpretation auch innerlich vor sich gehen. Der private Leser und Hörer kann zu einem Ausführenden erlebter Bedeutung werden, wenn er das Gedicht oder die Musikpassage auswendig lernt. Auswendig zu lernen heisst, dem Text oder der Musik eine innewohnende Klarheit und Lebenskraft zu verleihen, sie zu ver-innerlichen. Ben Johnsons Begriff «Ingestion» trifft die Sache genau. Was wir auswendig lernen, entfaltet eine Wirksamkeit in unserem Bewusstsein, wird zu einem «Schrittmacher» für das Wachstum und die wesensmässige Differenzierung unserer Identität. Durch keine Exegese, durch keine Kritik von aussen lassen sich die formalen mittel, die Prinzipien des organisatorischen Vollzugs einer semantischen Tatsache, sei sie verbal oder musikalisch, so direkt verinnerlichen. Genaue Erinnerung und Rückgriffe auf das Gedächtnis vertiefen nicht nur unsere Auffassung eines Werkes: sie erzeugen auch einen wechselseitigen Austausch zwischen uns und dem, was das Herz weiss. Und in dem Masse, wie wir uns verändern, ändert sich auch der gestaltgebende Kontext der internalisierten Dichtung oder Sonate. Dementsprechend wir Erinnerung Er-kenntnis und Entdeckung (er-kennen heisst, aufs neue kennen). Im archaischen Glauben der Griechen, dass die Erinnerung die Mutter der Musen ist, drückt sich eine fundamentale Einsicht in das Wesen der Kunst und des geistigen Vermögens aus. (…)

In unseren eigenen amtlich zugelassenen gesellschaftlichen Systemen ist das Auswendiglernen aus der höheren Schulbildung und den Gepflogenheiten literarischer Bildung weitgehend verschwunden. Die elektronische Speicherkapazität und die Wiedergabetreue der computerisierten Datenbank und der Prozesse automatischer Abrufung werden den Lebensnerv des individuellen Gedächtnisses weiter schwächen. Ansporn und Anregung sind von zunehmend mechanischer und kollektiver Qualität. Da die Begegnung in leichtem Zugriff auf elektronische Wiedergabemedien stattfindet, bliebt ein Grossteil der Musik und Literatur rein äusserlich. Der Unterschied ist der zwischen «Konsumtion» und «Ingestion». Die Gefahr liegt darin, dass Text und Musik das verlieren, was die Physik «kritische Masse» nennt, ihre implosiven Kräfte in den Echokammern des Selbst.»
 
Fragen:

Sind wir selber noch Kunst-Amateure? Lieben wir gute Kunst? Widmen wir ihr Zeit? Verinnerlichen wir sie noch und füllen damit unsere inneren Echokammern?
 
In 5.Mose 6,4ff., im berühmten Schma (= höre) Israel, lesen wir, womit wir unsere inneren Echokammern vor allem füllen sollen: «Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.  Du sollst sie deinen Kindern wiederholen. Du sollst sie sprechen, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.» Was heisst dies für uns ganz praktisch: Wie können wir wieder die biblische Botschaft verinnerlichen, ohne in eine gesetzlichen Zwang oder in leere Routine zu verfallen?
 
Was heisst es für unsere eigene Kunst? Rechnen wir damit und wirken wir darauf hin, dass sie «innere Echokammern» füllen kann?

Text: Beat Rink

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