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22.
Dezember
2022

A great Jewish author turns 85 / Ein grosser jüdischer Schriftsteller wird 85

ENGLISH

In the literature scene, there are today relatively few writers who write about faith on a good literary level. This may be linked to the fact that certain forms of art do not appear in the church and are perhaps even frowned on – such as dance, for example. But, one might object, the spoken word is certainly present everywhere in the churches. Yes! But the «custodians» of the word are the church leaders. And the result is that, alongside them, literature can hardly develop a role, unless they consciously promote the literary talents in the church or are themselves writers of novels, poems and theatrical pieces. This is in fact often the case. In addition, it is not completely surprising that many children of pastors are writers. (They do not, however, necessarily share the faith of their parents. But literary history shows that the linguistic power they acquired in the pastor’s house has exerted a strong influence on present-day literature. (The German literary scholar Albrecht Schöne wrote a much-cited study of this in 1958:  «Säkularisation als sprachbildende Kraft. Studien zur Dichtung deutscher Pfarrersöhne. [‘Secularisation as a formative power in language. Studies of poetry by sons of German pastors.’]»)

Among the theologians who write great poetry is the Rabbi Elazar Benyoëtz. He was born 1937 as the son of Austrian Jews in Vienna Newtown. His family emigrated to Palestine in 1938, where he has lived since 1939, developing into a Hebrew poet. Benyoëtz writes above all in German. His literary form is the aphorism. Among his great themes is faith. In this field he examines Christianity closely and often quotes from the New Testament. I personally have the privilege of being able to look back on some beautiful meetings with this wonderful poet. This year, he reached the age of 85 – a fitting occasion to quote some of his aphorisms:

The mountains moved by faith
are not revealed to doubt.

Faith –
jubilation over God.

If you give God your love,
you can keep your doubt.

God demands only one sacrifice from you: your unbelief.

One’s own prayer –  the most precise self-analysis.

“Rabbi Mendel’s most famous pupil was Rabbi Jizchak Meir, known as ‘Rim’. On one occasion he taught his pupils as follows: ‘It is not good to be clever. An all-too clever person has a tendency to sophistry, which ultimately leads to unbelief. It is not good to be good. An all-too good person is soft; even if such a person may have no inclination to unbelief, he is easily enticed into a noncommittal way of life. Nor is it good to be pious. An all-too pious person may indeed be without a tendency to unbelief or to noncommittal living, but he imagines that he is the only one serving God appropriately, whereas other people that nothing they stand for, for which reason he hates them. Ultimately he becomes a wrecker for everyone, a real villain bad guy.’ His pupils were appalled at what he said. ‘But’, they asked, ‘how should a person be, if neither the clever nor the good, nor even the pious, behaves rightly?’  ‘Well’, answered Rim, ‘he should be clever, good and pious simultaneously.’ ” 

Beat Rink / Translation from German: Bill Buchanan


 

DEUTSCH

In der Literaturszene gibt es heute verhältnismässig wenige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die auf gutem literarischen Niveau vom Glauben schreiben. Dies könnte damit zu tun haben, dass in den Kirchen gewisse Kunstformen nicht vorkommen und vielleicht sogar verpönt wurden – wie zum Beispiel der Tanz. Aber das Wort ist doch in den Kirchen allgegenwärtig, mag man einwenden. Ja! Aber «Hüter» des Wortes sind die Pfarrpersonen. Und das heisst: Neben ihnen kann sich die Literatur kaum entfalten, es sei denn, sie fördern bewusst die literarischen Talente in der Kirche oder sie schreiben selber Romane, Gedichte und Theaterstücke. Dies ist tatsächlich oft der Fall. Überdies ist nicht verwunderlich, dass es viele Pfarrkinder gibt, die schreiben. (Allerdings teilten und teilen diese nicht unbedingt den Glauben ihrer Eltern. Aber die Literaturgeschichte zeigt, dass  ihre im Pfarrhaus angeeignete Sprachkraft stark auf die gegenwärtige Literatur einwirkte. (Der deutsche Literaturwissenschafter Albrecht Schöne schrieb dazu 1958 eine vielbeachtete Untersuchung «Säkularisation als sprachbildende Kraft. Studien zur Dichtung deutscher Pfarrersöhne“.)

Zu den Theologen, die grosse Dichtung schreiben, gehört der Rabbi Elazar Benyoëtz. Er wurde 1937 als Sohn österreichischer Juden in Wiener Neustadt geboren. 1938 emigrierte seine Familie nach Palästina, wo er seit 1939 lebt und zum hebräischen Dichter heranwuchs. Benyoëtz schreibt vor allem in deutscher Sprache. Seine literarische Form sind Aphorismen. Zu seinen grossen Themen gehört der Glaube. Dabei setzt er sich auch intensiv mit dem Christentum auseinander und er zitiert oft das Neue Testament. Und in seinen Büchern zitiert er oft Texte aus der jüdischen Tradition (s.u.). Ich selber darf auf einige schöne Begegnungen mit diesem wunderbaren Dichter zurückblicken. Er wurde in diesem Jahr 85 Jahre alt – ein Anlass, einige seiner Aphorismen zu zitieren:

Den vom Glauben versetzten Berg
bekommt der Zweifel nicht zu sehen.

Glaube –
Der Jubel über Gott.

Gibst du Gott deine Liebe,
darfst du deine Zweifel behalten.

Gott verlangt von dir ein einziges Opfer: deinen Unglauben.

Auch das Gebet will erbetet sein.

Das eigene Gebet – die genaueste Selbstanalyse.

“Rabbi Mendels berühmtester Schüler war Rabbi Jichak Meir, der ‚Rim‘ genannt. Einmal belehrte er seine Schüler. ‘Es ist nicht gut, klug zu sein. Ein allzu kluger Mensch hat die Neigung zur Klügelei, die schliesslich zum Unglauben führt. Es ist nicht gut, gut zu sein. Ein allzu guter Mensch ist ein Weichling; ein solcher hat vielleicht keinen Hang zum Unglauben, aber er wird leicht zu einem ungebundenen Leben verführt. Es ist auch nicht gut, fromm zu sein. Wer gar zu fromm ist, hat zwar keine Neigung zum Unglauben oder zur Ungebundenheit, aber er denkt sich, dass er nur Gott gebührend dient, während die anderen Leute für nichts stehet, darum hasst er sie. Schliesslich wird er ein Schädling aller, ein wirklicher Bösewicht.’
Die Schüler entsetzten sich über diese Rede. ‘Aber’, fragten sie, ‘wie soll denn der Mensch sein, wenn weder der kluge, noch der gute und nicht einmal der fromme Mensch richtig handelt?’ ‘Nun’, antwortet Rim, ‘er soll gleichzeitig klug, gut und fromm sein.’ “

Text: Beat Rink

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Künstlerportrait

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Heike Röhle

Bildende Kunst
Geboren 1969 in Hof (D)/ Studium an der Universität Hildesheim: Malerei/Druckgrafik, Literatur, Theater/ lebt und arbeitet in der Nähe von Bern (CH)/ /arbeitete an verschiedenen Institutionen und Museen als Kunstvermittlerin/ 2014 Gründung von KUNSTSPIEL /seit 2017 verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen
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